Neigong vs. Qigong
- Stefan Strasser

- 8. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Apr.
Zwei Blickrichtungen auf innere Arbeit
Im Westen werden Qigong und Neigong oft wie zwei getrennte Kategorien gehandelt. Für Übende ist das nicht immer hilfreich. Es zwingt den Kopf in die Analyse: Was mache ich gerade - Qigong oder Neigong? Gerade ein westlich trainiertes Mind möchte parallel verstehen, einordnen und kontrollieren.
Innere Arbeit vertieft sich jedoch nicht über kognitive Begriffserfassung. Sie vertieft sich über Spüren. Die Begriffe können als Landkarte dienen - im Training selbst zählt, ob du fühlst, was im Körper passiert.
Neigong
Neigong als Rahmen der inneren Arbeit
Neigong heißt wörtlich „innere Arbeit“. Es meint das Wissen, wie bestimmte innere Bedingungen hergestellt werden, und die Schulung, sie im Rahmen bestimmter Übungen bewusst zu steuern. Dazu gehören sowohl statische als auch dynamische Übungen - im Sitzen, im Stehen und in Bewegung im Raum.
Dies erfordert die Organisation einer bestimmten Körperhaltung, um den Körper dabei so auszurichten, dass bestimmte Haltungsparameter in ein gewünschtes Alignment gebracht werden können. Dadurch wird es möglich, Spannungsmuster zu erkennen und sie durch das Zuschalten der erlernten Fähigkeit zur Entspannung sowie weitere Methoden zu beeinflussen und aufzulösen. Neigong ist in diesem Sinn eine Reorganisation bzw. ein „Reprogrammieren“ körperlicher Strukturen und ihrer Funktionen mit dem Ziel, Gesundheit zu erhalten und zu verbessern.
Bewusstsein und Gewebe
Dazu gehört auch, das Bewusstsein so zu schulen, dass es gezielt auf unterschiedlichen Gewebeschichten „landen“ kann, dort zu verweilen lernt und sich auf der gewünschten anatomischen Ebene willentlich bewegen kann, um entsprechend einwirken zu können. So wird eine intendierte Arbeit im Gewebe möglich (z. B. Klärung/Ausleitung, Aktivierung der Selbstheilungskräfte, Stärkung, Balancierung).
Das kohärente Pulsieren
Ein weiteres Kriterium ist die Fertigkeit, einen Puls zu erzeugen, der das rhythmische, sphärische Öffnen und Schließen bzw. Expandieren und Kondensieren von Gelenks-räumen und anderen anatomischen „Hohlräumen“ (z. B. dem Achselraum) taktet, organisiert und gleichschaltet (Pulsing).
Kraftlinien, Atem und Zirkulation
Hinzu kommt das Aktivieren von Faszienlinien, über die Impulse im Körper geführt werden: Sie begünstigen die Statik der Struktur und dienen gleichzeitig als „Leiter“, über die Kraft ökonomisch abgeleitet und weitergeleitet werden kann (Kraftlinien).
Dazu kommen diverse Atemtechniken sowie das Bewegen und Zirkulieren von Flüssigkeiten und Qi im Körper, angetrieben und gesteuert durch eine Druckwelle, die durch Druckverschiebungen erzeugt wird.
Systematik in der Wassertradition
Neigong in der Wassertradition schöpft aus einem Repertoire von insgesamt 16 Neigong-Techniken, die zusammen ein umfassendes und vollständiges System definieren und beschreiben.
Qigong
Qigong als Teilbereich innerhalb von Neigong
Qigong ist kein Oberbegriff für „alles, was irgendwie mit innerer Arbeit zu tun hat“. In der hier verwendeten Begrifflichkeit ist Neigong der übergeordnete Rahmen: Neigong beschreibt die innere Arbeit als Gesamtsystem - also die Schulung von Bedingungen, Mechaniken und Fähigkeiten, die den Körper reorganisieren und steuerbar machen. Qigong ist darin ein spezifischer Aspekt: die gezielte Schulung im Umgang mit Qi.
Qigong als definierter Schwerpunkt innerhalb von Neigong
Qigong setzt den Fokus nicht primär auf strukturelle Mechanik (Alignment, Kraftlinien, fasziale Kopplung) als Selbstzweck, sondern auf die Fertigkeit, Qi wahrzunehmen, zu beeinflussen, zu führen und zu kultivieren.
Das Training ist damit eine spezifische Kompetenzschulung (z. B. Dragon & Tiger Qigong): Du lernst, wie sich Qi im System verhält, wie es sich aufbaut und verteilt, und wie es durch klare Vorgaben (Aufmerksamkeit, Atmung, Entspannung, Qi-Body-Building-Übungen) gezielt angesprochen werden kann.
Außen nach innen: Trainingslogik
Die Wirkrichtung von Qigong ist in diesem Verständnis von außen nach innen organisiert. „Außen“ meint dabei das Energiefeld bzw. die Ebene, auf der Qi zunächst fühlbar und tastbar ist bzw. angesprochen werden kann.
Das Ziel ist nicht, zuerst komplexe interne Mechanik „zu konstruieren“, sondern Qi zu aktivieren, zu homogenisieren, zu verdichten, dem Qi eine Qualität bzw. eine Viskosität zu verleihen, zu klären und in die Tiefe zu organisieren, sodass das Innere davon erfasst wird.
Hier sollen zwei Grundtechniken hervorgehoben werden, die zeigen, wie konkretes Arbeiten mit dem Medium Qi im Kontext von Qigong definiert wird: Brushing Qi („Bürsten“) und Push-and-Pull Qi. Diese beiden grundlegenden Techniken fungieren als Indikatoren, die innere Reorganisation im Energiefeld anstoßen und in der Folge im Inneren des Körpers und seinen tieferen Qi-Ebenen, seinen physischen Funktionen und konsequenterweise hineinwirken in die emotionalen und psychischen Strukturen.
Qigong oder Neigong: Die beiden sind zwei Betrachtungsweisen - wie zwei verschiedene Brillen, durch die man wählt zu schauen. Man kann ein und dasselbe Übungsset als Qigong oder als Neigong praktizieren - entscheidend ist, welche Aspekte der inneren Arbeit man fokussiert.
Was Qigong konkret trainiert
Qigong trainiert vor allem drei Fähigkeiten:
Wahrnehmung: Qi als unterscheidbare Qualität wahrnehmen (nicht nur „Entspannung“ oder „Wärme“, sondern differenziert im Körper, auf verschiedenen Gewebestrukturen und im Feld).
Steuerung: Qi über Parameter wie Atmung, Intention, Öffnen/Schließen, Ausrichtung und Rhythmus beeinflussen.
Integration: Qi nicht isoliert „in den Händen“ zu aktivieren, sondern im gesamten physischen und feinstofflichen Körpergefüge zu organisieren und zu inkludieren - auf allen Gewebsebenen, in Gelenksräumen und auf allen Zirkulationswegen bis in die Peripherie hinaus.
Das macht Qigong zu einer eigenständigen Disziplin innerhalb des Neigong: ein klar definierter Schwerpunkt, der eine spezielle Art von Training und ein spezielles Feedback-System verlangt.
Abgrenzung zur üblichen West-Definition
Im Westen wird Qigong oft als Sammelbegriff verwendet. Das führt zu Unschärfe: Dann kann alles von sanfter Gymnastik bis zu innerer Alchemie „Qigong“ heißen. In der hier gemeinten Struktur ist die Ordnung anders: Neigong ist der Oberbegriff, Qigong ist ein Teilbereich. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch, sondern praktisch.
Kurzum: Neigong vs Qigong ist Trägersystem vs Ladung
Neigong ist der Rahmen der inneren Arbeit. Qigong ist darin der spezifische Aspekt, der die Fertigkeit im Umgang mit Qi ausbildet. Qigong ist methodisch von außen nach innen organisiert: Es nutzt Form, Atem, Ausrichtung und Intention als klar definierte Parameter, um Qi zu kultivieren, zu führen und im System zu integrieren.
Mit Qigong bildest du ein starkes Qi, und mit Neigong bereitest du den Körper darauf vor, ein erweitertes Qi-Volumen überhaupt tragen zu können, ohne dass dabei „die Sicherungen rausfliegen“. Neigong baut den Körper zu einem Starkstromnetzwerk um, und Qigong bereitet die Ladung auf und konvertiert sie zu „Starkstrom“.
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